Eine Situation, wie sie nur in Träumen vorkommt: Ein junger Mann kehrt von irgendwoher zurück, nach Austin, Texas, erreicht telefonisch niemanden, der ihn abholen könnte, und steigt zu einem seltsamen Mann in ein noch seltsameres Amphibien-Fahrzeug, das halb Auto, halb Boot ist. Der junge Mann, der für den Rest des Films namenlos bleiben wird, nimmt auf der Rückbank neben einem weiteren Passagier Platz, und da er selbst nicht weiß, wo er genau hin möchte, gibt dieser andere Mitfahrer – übrigens gespielt von Regisseur Richard Linklater – die Richtung vor.

Der Protagonist steigt aus, findet auf der Straße einen Zettel und wird überfahren – und wacht im nächsten Moment im heimischen Bett auf. Dass er trotzdem noch nicht wach ist, wird bald klar, denn er wandelt von Szene zu Szene durch verschiedene Träume, in denen er interessante Menschen trifft, die ihm über ihre philosophischen Ansichten über Leben und Tod erzählen – oder die er einfach dabei belauscht. Irgendwann stellt er schließlich fest, dass er sich in einem luziden Traum befindet, einem Traum, in dem er weiß, dass er träumt, wodurch er die Möglichkeiten des Träumens aktiv nutzen kann. Nur Aufwachen kann er offensichtlich nicht, doch auch hier trifft er in seinem Träumen Akteure, die ihn bei dieser „Aufgabe“ unterstützen können.

Waking Life: Philosophische Betrachtungen über das Wachen und das Träumen

Waking Life lässt sich nicht mit normalen Maßstäben beurteilen, denn er ist kein normaler Film. Einen richtigen Plot gibt es nicht, vielmehr besteht der Film aus einer Aneinanderreihung von Dialogen, die es jedoch definitiv in sich haben. Die Menschen, die da zu Wort kommen, befassen sich mit den ganz grundlegenden Fragen des Lebens, mit dem Sinn, dem freien Willen, Liebe, Tod, Wachen und Träumen. Jede einzelne dieser kurzen Sequenzen bringt einen dazu, Dinge, die man für selbstverständlich gehalten hat, zu überdenken, und seine eigene Position zu den verschiedenen philosophischen Fragen zu finden.

Die Traum-Atmosphäre in Waking Life wird neben der sprunghaften Geschichte durch einen künstlerischen Effekt erzielt: Der Film bedient sich der Technik der Rotoskopie, d.h. er wurde zunächst vollständig mit Schauspielern gedreht und anschließend überzeichnet. Dieselbe Technik, die bereits in den 1920er Jahren in Trickstudios Anwendung fand, setzte Linklater später für die Philip K. Dick-Verfilmung A Scanner Darkly ein. Trotz der Verfremdung durch die Rotoskopie-Technik erkennt man ein paar der Akteure in Waking Life: Neben Richard Linklater selbst treten auch seine Tochter Lorelei, die in Boyhood eine der zentralen Nebenrollen spielte, Linklaters „Stamm-Personal“ Ethan Hawke und Julie Delpy sowie Regisseur Steven Soderbergh auf.

„Dream is Destiny“ – mit diesem Satz beginnt die Traum-Reise der Hauptfigur in Waking Life. Man muss sich auf diesen Film und seine ungewöhnliche Erzählweise, die vielen philosophischen Dialoge und das stets Unsichere, Traumgleiche einlassen, was sicher nicht zu jeder Zeit einfach ist. Belohnt wird man aber damit, dass man in Waking Life etwas entdecken kann, das weit über den Film hinaus geht und das das eigene Leben und Denken dauerhaft verändern kann – und das können nur die besten Filme.