„Oblivion“ heißt Vergessenheit, und tatsächlich spielt das Gegensatzpaar Vergessen / Erinnern eine große Rolle im Science Fiction-Film von „Tron: Legacy“-Regisseur Joseph Kosinski. Die Erinnerung an die eigene Herkunft, Vergangenheit und Identität macht nicht nur aus, wer wir sind, sondern auch, wie wir handeln.

Der Militär-Techniker Jack Harper kann sich nur an Bruchstücke seines alten Lebens erinnern. Sein Gedächtnis wurde vor fünf Jahren gelöscht, um die Mission, auf der er sich befindet, nicht zu gefährden. Dass die Wichtigkeit dieser Mission solche drastischen Mittel rechtfertigt, steht außer Frage, denn schließlich geht es ums Überleben der gesamten Menschheit. Seit die „Plünderer“ – feindlich gesinnte Außerirdische – vor Jahrzehnten ihren Beutezug zur Erde mit der Zerstörung des Monds einleiteten, hat sich viel geändert auf unserem Planeten. Naturkatastrophen, Generationen andauernde Kämpfe und der verzweifelte Einsatz von Atomwaffen haben Verwüstung, Zerstörung und ein unbewohnbares Umfeld zurückgelassen. Zwar wurden die Außerirdischen letzten Endes bis auf wenige Einzelkämpfer und Störenfriede vertrieben, doch die Erde kann jetzt nur noch dazu dienen, so viele Rohstoffe wie möglich zu liefern, bevor auch die letzten beiden Menschen – Jack und seine Partnerin im doppelten Sinn Victoria – sie in Richtung Saturn-Mond Titan verlassen

Seltsamer Fund bei Routine-Flug

Zwei Wochen noch sollen Jack und Victoria ihren Dienst auf der Erde leisten, um anschließend ebenfalls die Reise zum Titan anzutreten. Bis dahin beaufsichtigen und beschützen sie die zahllosen Hydro-Türme, die Wasser aus der Erde gewinnen, um das Leben der Menschen auf dem Titan zu erleichtern.

Jack muss dazu die Drohnen warten und reparieren, die die Technik auf der Erde sehr effizient und furchteinflößend (und natürlich mit einem großen roten „Auge“ ausgestattet) vor Plünderern schützen, während Victoria von ihrem Stützpunkt aus, den sie nicht verlassen darf und daher nie verlässt, den Überblick behält und Befehle von Mission Control entgegen nimmt und an Jack weiterleitet. Ein perfekt eingespieltes – effizientes – Team sind die beiden, und ihrer baldigen Reise zu den anderen überlebenden Menschen auf dem Titan steht nichts im Wege.

Im Gegensatz zu Victoria hängt Jack jedoch noch an seiner alten Heimat, sammelt Andenken an die Zeit auf der Erde und hat sich sogar einen geheimen Rückzugsort – eine Hütte an einem Bergsee – erbaut, an dem er sich ein Leben mit ihr nach Beendigung des gemeinsamen Dienstes gut vorstellen könnte. Doch Victoria ist so sehr auf die Einhaltung aller Vorschriften bedacht, dass sie nicht einmal mit Jack zur Erde fliegt, um sich anzuschauen, was dieser ihr dort zeigen möchte. Dass Jack jede Nacht aus Träumen an seine Vergangenheit hochschreckt, merkt sie nicht oder will sie nicht merken. Lieber versucht sie, die verbleibende Zeit so angenehm und schnell wie möglich hinter sich und ihn zu bringen.

Während Jack sich auf einem seiner letzten Überwachungsflüge seinem Versteck einen geheimen Besuch abstattet, wird die Routine der beiden jedoch unterbrochen. Irgendetwas stürzt vom Himmel – vermutlich ein Raumschiff der Plünderer -, und obwohl Victoria sofort klare Anweisung erhält, diese Aufgabe den Drohnen zu überlassen, macht Jack sich auf den Weg, um die Unfallstelle zu sichern.

Was Jack dort findet, ändert alles. Das Raumschiff stammt von der Erde, ist jedoch mindestens 60 Jahre alt. Die Besatzung ist in Tiefschlaf versetzt, und besonders ein Mitglied bringt Jack aus der Fassung: Eine junge Frau (Olga Kurylenko), die er aus seinen Träumen zu kennen glaubt. Jack rettet sie und bringt sie zu seiner Basisstation, wovon Victoria alles andere als begeistert ist. Als die Frau – Julia – erwacht, Jack erkennt und ihn mit seinem Namen anspricht, hofft er, endlich Antworten auf die Fragen zu erhalten, die ihn beschäftigen. Für Victoria dagegen ist klar, dass nur Mission Control entscheiden kann, was mit Julia wird. Dass sie sich weigert, etwas über ihre Herkunft zu erzählen, deutet für Victoria darauf hin, dass sie einen feindlichen Spion gefangen haben. Als Jack Julia auf eigene Faust helfen will, zu ihrem Schiff zurückzukehren, entdeckt er jedoch mehr und mehr Merkwürdiges, und er muss sich fragen, was noch alles in seinem Leben in Vergessenheit geraten ist.

Filmische Umsetzung der Graphic Novel „Oblivion“

Mit „Oblivion“ hat Regisseur und Autor Joseph Kosinski seine gleichnamige Graphic Novel filmisch umgesetzt. Das sieht man dem Film an vielen Stellen an. Die Konzentration auf einzelne Gegenstände, teilweise sehr sparsam eingesetzte Bewegung, viele Großaufnahmen – all dies verleiht dem Film eine besondere Visualität und erinnert an seine „Herkunft“. Manchmal jedoch führt das zu einer etwas plakativen Symbolik. Da deutet eine zerbrochene Brille auf den Zustand ihres Besitzers, zur Erde zurückgeworfene Blumen bezeugen eine Kluft zwischen einem äußerlich harmonischen Paar, und dass sich Jack Harper in beiden  Brillengläsern von Beech spiegelt, zitiert „The Matrix“, aber eben nicht nur. In einer Graphic Novel wirkt das atmosphärisch, im Film kann es ungewollt theatralisch erscheinen. Aber das sind nur wenige Momente, und im Gesamtbild des visuell extrem ansprechenden Films stören sie nicht sehr.

Solide Science Fiction-Unterhaltung mit leichten Logik-Schwächen

Insgesamt hat „Oblivion“ alles, was ein guter (Science Fiction-)Film braucht: eine Story mit überraschenden Wendungen, ausgewogene Action, wirklich tolle Special Effects, innovative Ideen, eine berührende Liebesgeschichte und ein futuristisches Design. Die Bilder sind tatsächlich so fantastisch, dass man sie sich ausdrucken und an die Wand hängen möchte, und allein die Szenen, in denen der zerstörte Mond zu sehen ist, sind so atemberaubend, dass sich der Gang ins Kino lohnt. Auch das über weiter Strecken nur von Tom Cruise und Andrea Riseborough getragene Spiel ist absolut packend, und nur Olga Kurylenko ist für ihre Rolle leider etwas zu „niedlich“. Alles in allem kann man gut unterhalten und absolut zufrieden aus dem Kino gehen, und entsprechend sicher bin ich mir, dass „Oblivion“ erfolgreich sein wird.

Wer sich im Dauer-Zitat-Modus auf Genre-Klassiker wie „Planet der Affen“, „Matrix“ und „2001“ beruft, muss jedoch damit rechnen, mit diesen Filmen verglichen zu werden. Um hier bestehen zu können, fehlt „Oblivion“ leider eine weitere Ebene, ein tieferer Sinn, eine Fragestellung, die einem nach dem Schauen nicht mehr aus dem Kopf geht. So gut „Oblivion“ aussieht, so unterhaltsam, durchdacht und spannend die Story auch ist – am Ende bleibt der Film vor allem glatt und durchgestylt – und setzt sich selbst der Gefahr aus, schnell wieder vergessen zu werden.

Hinzu kommen leider noch einige Logikschwächen und ein paar unbeantwortete Fragen. Gerade der Gedächtnisverlust von Jack Harper, der eine wichtige Grundlage für die gesamte Entwicklung der Geschichte bildet, kann an vielen Stellen in Frage gestellt werden.

Trotz dieser Einschränkungen bleibt „Oblivion“ auf jeden Fall ein sehenswerter Science Fiction-Film mit einer spannenden Story und tollen Bildern, der jedoch hin und wieder Erwartungen weckt, die er selbst nicht halten kann. Gut unterhalten wird man auf jeden Fall, einen neuen „2001“ oder „Matrix“ sollte man jedoch nicht erwarten.