Blue Book ist weit mehr als eine Firma: Das Unternehmen betreibt unter anderem die größte Suchmaschine der Welt, die 94% aller Internet-Anfragen beantwortet, und ist dadurch ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des täglichen Lebens. Gründer Nathan wird nicht nur von den Mitarbeitern bewundert. Als Programmierer Caleb einen einwöchigen Besuch beim Chef gewinnt, ist ihm der Neid aller Kollegen sicher. Mit dem Hubschrauber wird Caleb zu Nathans entlegenem Haus eingeflogen, und die mehrstündige Reise über dessen schier endlosen Landbesitz macht bereits vor der Ankunft klar: Nathan gehört nicht nur Blue Book, sondern die ganze Welt.

Das anfängliche Unbehagen dem zwar freundlichen, aber mit fast unheimlichem Selbstbewusstsein ausgestatteten Firmen-Inhaber gegenüber verstärkt sich noch, als Caleb seine fensterlose Unterkunft für die nächsten Tage sieht: Nathans Haus scheint in Wahrheit eine Festung zu sein. Den Grund dafür erklärt Nathan bald, und Caleb wird klar, dass sein Besuch mit einer konkreten Aufgabe zusammenhängt. Nathan hat eine Maschine mit künstlicher Intelligenz entwickelt und Caleb soll mit Hilfe eines Turing-Tests feststellen, ob Ava – so der Name von Nathans Schöpfung – tatsächlich über ein Bewusstsein verfügt oder dieses nur geschickt simuliert. Calebs Aufgabe ist es, Gespräche mit der Maschine zu führen und zu beurteilen, ob er sie nach diesen Gesprächen noch für eine Maschine hält. Ist dies nicht der Fall, hat Ava den Turing-Test bestanden und verfügt über ein eigenes Bewusstsein. Nathan beobachtet die Gespräche über Videokameras – wie alles, was in seinem Anwesen vor sich geht.

Die erste Überraschung, die Caleb in Bezug auf Ava erlebt, ist, dass sie nicht nur einen weiblichen Namen, sondern auch das Gesicht und den Körper einer schönen Frau trägt. Ihre Sprache, ihre Mimik und ihre Gesten zeigen schnell Anzeichen von Flirten. Wie es scheint, beherrscht Ava nicht nur logisches Denken, sondern hat Humor und sogar Gefühle. Zart, fast zerbrechlich wirkt sie, und dass sie keine Haare hat, unterstützt ihr Kindchenschema noch. Caleb ist von seiner eigentlichen Aufgabe, Avas künstliche Intelligenz zu beurteilen, bald von seinen eigenen Gefühlen abgelenkt, denn ganz klar fühlt er sich zu der Maschine hingezogen. Gleichzeitig sinkt Calebs Vertrauen in seinen Gastgeber: zwischen Egozentrik, Größenwahn und Alkoholproblemen werden Nathans Launen immer unberechenbarer. Ava stützt Calebs Bedenken Nathan gegenüber: Beim Aufladen ihrer Batterien löst sie absichtlich Stromausfälle aus, um unbeobachtet mit Caleb darüber zu sprechen, dass Nathan lügt – und dass sie gerne gemeinsam mit Caleb verschwinden möchte.

Ex machina: Die Frage nach der künstlichen und der menschlichen Intelligenz

Ex Machina ist einerseits ein höchst spannender Thriller, der nicht nur auf Grund des sehr abgeschlossen wirkenden Anwesen Nathans oft klaustrophobisch wirkt und einen ein ums andere Mal auf eine falsche Fährte lockt. Darüber hinaus oder vielmehr darunter ist Ex Machina eine geradezu philosophische Betrachtung der zentralsten Fragen menschlicher Existenz. Avas Entwicklung verläuft wie eine zweite Schöpfungsgeschichte, was schon zu Beginn angedeutet wird, als Nathan sich über Calebs (bewusst falsch verstandenes) Zitat freut, dass er als Erfinder künstlicher Intelligenz kein Mensch mehr, sondern ein Gott ist. Dass Ava ihrem „Paradies“ entfliehen will und dazu auf Calebs Unterstützung hofft, ist Beweis für ihre Intelligenz, ihr Bewusstsein und ihre Erkenntnis.

Unweigerlich fragt man sich nach dem Schauen von Ex Machina, was den Unterschied zwischen Mensch und Maschine ausmacht, hier vor allem zwischen Ava und Caleb. So erschreckend nah und gleich sich die beiden an vielen Stellen sind, so deutlich wird doch, dass es vor allem der moralische Kompass der beiden ist, der in unterschiedliche Richtungen zeigt. Dies muss jedoch nicht unbedingt an Avas Identität als Maschine liegen, sondern kann auch von ihrem Schöpfer Nathan übernommen sein.

Mit nur drei Haupt- und einer Nebenfigur besetzt lebt Ex Machina ganz klar von den Schauspielern. Besonders herausstechend ist dabei die Leistung von Oscar Isaac, dem man den erfolgsverwöhnten, reichen und persönlich dennoch am Glück gescheiterten Egomanen sofort und ungefragt abnimmt. Dass Blue Book gewisse Ähnlichkeiten mit Google aufweist, fällt sofort auf, und rein optisch könnte Oscar Isaac in Ex Machina Sergey Brins Bruder sein. Auch Alicia Vikander spielt die mit fremden Emotionen und Gesichtsausdrücken gefütterte Maschine absolut glaubhaft, und als Zuschauer nimmt man selbst unweigerlich eine Rolle im Turing-Test ein, wenn man sie beobachtet und sich fragt, ob da nun ein Mensch oder eine Maschine reagiert. Domhnall Gleeson, dessen vier Filme 2015 alle für den ein oder anderen Oscar nominiert sind, spielt den leicht zu verunsichernden Programmierer ebenfalls absolut glaubhaft.

Ex Machina ist die erste Regie-Arbeit von Alex Garland, der auch das Drehbuch schrieb und dafür aktuell für einen Oscar nominiert ist. Zuvor hat Garland diverse Drehbücher geschrieben, unter anderem für 28 Days Later, Sunshine und Alles, was wir geben mussten.

Ex Machina ist ein absolut packender und nachhaltig beeindruckender Science Fiction-Film, den man sich mindestens zwei Mal anschauen sollte. Der Film ist mittlerweile auf DVD erschienen.